WILMA
die wilde Mama
(*unbekannt)
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Im Mai 2007 wurde uns telefonisch mitgeteilt, dass eine ziemlich erbärmlich aussehende scheue Katze seit Wochen täglich in den Hinterhof eines Ladengeschäftes kommen würde. Aus Mitleid habe man sie gefüttert, aber ins Haus könne man sie nicht aufnehmen, da es die anderen dort wohnenden vier Katzen nicht duldeten. Außerdem sei ihr Bauch mittlerweile verdächtig dick geworden. Wir sollten doch mal nachschauen kommen. In unmittelbarer Nachbarschaft gab es verschiedene landwirtschaftliche Betriebe, die Katzen hielten, und wir vermuteten, dass sie sich von dort mangels ausreichender Versorgung regelmäßig in besagten Hinterhof begab, zumal sie sehr schnell bemerkte, dass dort Futter für sie bereit stand. Am Spätnachmittag des 11. Mai trafen wir die Katze dort an. Sie hatte ungepflegtes Fell, eine alte Verletzung im Nacken, einen richtig dicken Bauch und erwartungsvolle große Augen, näherte sich uns aber nur bis auf etwa drei Meter. Da wir nur einen normalen Katzentragekorb greifbar hatten, versuchten wir, sie mit Futter dort hinein zu locken und hatten Glück. Die Thunfischbrocken rochen scheinbar so lecker, dass sie ohne groß zu hinterfragen in die Kiste lief und wir das Gitter problemlos schließen konnten. Dank einer darüber gelegten Decke verfiel sie nicht in Panik sondern verhielt sich während des Transports völlig ruhig. Zuhause angekommen verließ sie den Transportkorb sofort, suchte sich aber umgehend ein Versteck aus, das ihr von oben her Deckung gab, stellte die Ohren waagerecht und fauchte mich an. Ich ließ sie, versorgt mit Futter, Wasser und ihrem Klo, alleine, damit sie alles anschauen konnte und Zeit hatte, sich in Ruhe mit den neuen Gegenbenheiten zu arrangieren. Natürlich hatte ich längst bemerkt, dass es sich um eine ziemlich abgemagerte aber hochtragende Kätzin handelte, und war erfreut darüber, dass sie, ohne wählerisch zu sein, gut und ausgiebig fraß. Ich ließ sie die Folgetage in Ruhe, versuchte nicht, mich ihr näher als auf die von ihr noch geduldete Distanz zu nähern, denn schließlich wollte ich ihr Vertrauen gewinnen und sie nicht in Angst versetzen. Auch versuchte sie nicht ein einziges Mal (auch später nicht), durch Tür oder Fenster ins Freie zu gelangen oder sonst wie abzuhauen. Es schien, dass sie mit ihrer Situation zufrieden war, solange man sie nicht bedrängte. In ihrem Raum hatte ich mehrere Kisten für die bevorstehende Geburt vorbereitet, an "strategisch guten" Plätzen verteilt, und hoffte, sie würde die eine oder andere zur Geburt der Welpen annehmen. Sie entschied sich ausgerechnet für die Kiste mit der Öffnung oben, die direkt unter meinem Schreibtisch stand und mir absolut keine Einblicke gewährte, ohne Gefahr zu laufen, das Gesicht zerkratzt zu kriegen. Immerhin war sie eine wilde Katze, die Menschen entweder verabscheute oder nicht willens war, mit ihnen Kontakt zu pflegen. Das zeigte sie mir immer wieder eindrucksvoll, obwohl sie sich fast ohne Scheu trotz meiner Gegenwart frei im Zimmer bewegte. Ich nannte sie WILMA, die Kurzform von Wil-de Ma-ma. Nur vier Tage nach ihrem Einfangen miaute WILMA einen ganzen Tag lang ziemlich erbärmlich, was mir die kurz bevor stehende Geburt signalisierte, verkroch sich spätnachmittags dann in besagter Kiste und gebar dort fünf Welpen. Es muss eine etwa 12 Stunden dauernde Geburt gewesen sein, bei der ich ihr nicht helfen und sie auch nicht stören durfte, obwohl ich liebend gern ab und an mal Einblicke in die Kiste genommen hätte, um zu sehen, ob alles klappt. Ich tat es nicht, trotzdem waren zwei der Welpen tot geboren, wie ich am nächsten Morgen feststellen musste.
WILMA hatte sie am Rand der
Kiste abgelegt. Natürlich verließ sie die Kiste nicht, damit
ich die zwei toten Babys entfernen konnte, auch beseitigte WILMA selbst die beiden Kadaver nicht, sondern blieb mitsamt
ihrer zwei toten und drei lebenden Babys in der
geburtsverschmierten Kiste sitzen. Ich hatte gehofft, sie
würde nach der Geburt in eine der anderen, sauberen Kisten
umziehen, aber das tat sie nicht. Ich musste mir etwas
einfallen lassen, wie ich die toten Babys aus der Kiste bekam.
Ich rückte am dritten Tag nach der Geburt der Welpen mit einem
"verlängerten Arm", einer Grillzange, an, öffnete von oben ein
weiteres Viertel der Kiste mit der Zange und wurde auch prompt von WILMA angegriffen. Ihre Pfotenhiebe und Bisse trafen aber nur
die Grillzange, weshalb es mir nach fünf Versuchen doch
gelang, die beiden toten Babys heraus zu heben und den
Kistendeckel wieder zu schließen. Allerdings hatte ich sie
mächtig beunruhigt und auch mein Herz schlug bis zum Hals. |
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WILMA
die knapp 2 Wochen alten Babys
...nur eine Woche später ist
die Babys erweitern ihren Lebensraum
wenige Tage später verließ auch WILMA
Merlin
Mica
Mira
Wilma |
Gerne hätte ich bei dieser Gelegenheit auch die Welpen auf ihren Gesundheitszustand hin überprüft oder mit WILMA freundschaftlichen Kontakt gepflegt, aber daran war nicht zu denken. Sie fühlte sich zwar nicht beunruhigt, wenn ich ab und zu einen Teil des Deckels der Kiste zum Fotografieren hochhob, oder um einen vorsichtigen Blick hinein zu werfen, aber an näheren Kontakt war nicht zu denken. Ich respektierte ihr Verhalten und bedrängte sie nicht, sie hatte ihre Kinder zu beschützen und zu verteidigen. Vielleicht würde sie ja später nach der Vermittlung der Babys doch noch etwas zutraulicher werden. Diese Zeit wollte ich ihr gern geben. Als die Welpen etwa drei Wochen alt waren traf ich WILMA häufig außerhalb der Wurfkiste an, die mitlerweile für alle vier wohl zu klein geworden war. In der Kiste hörte man die Versuche der Babys hoch zu klettern, um raus zu kommen, was jedoch nicht gelang. Die Hoffnung, WILMA würde mit ihnen umziehen, wie es fast alle Katzenmütter um diese Zeit tun, erfüllte sich nicht. Die Kleinen waren so zu sagen in ihrer Geburtskiste gefangen, obwohl sie viel lieber außerhalb der Kiste auf Entdeckungsreise gegangen wären. Daß ich nicht ohne WILMAs heftige Angriffe an die Kiste kam, um die Babys zu befreien, war mir klar, also was tun? Ich entschloss mich, ihr das weitere Wohnen in der Kiste zu verleiden, indem ich die gesamte obere Abdeckung öffnete, und sie für sich und ihre Babys von oben her keinen Schutz mehr hatte. Und tatsächlich, in der folgenden Nacht trug sie ihre Kinder in eine andere, oben geschlossene saubere Box mit ebenerdigem Ausgang für sie und die Kleinen, vor dem noch eine Art Tunnel zum Verstecken war.
Dank dieses Tunnels konnten die
Welpen aus der Kiste ins Zimmer, und ich konnte sie greifen,
ohne dass WILMA etwas sah oder merkte. So konnte ich schnell
feststellen, dass die zwei Mädchen und der eine Kater nicht
nur wohl genährt, sondern auch gesund und munter, ja sogar
richtig gepflegt waren. MIRA, MICA und MERLIN waren von Anfang an zahm trotz ihrer wilden
Mama, weil sie meinen Geruch und meine Stimme ja schon seit
Wochen kannten. So war es leicht, mit ihnen zu spielen, sie an
Futter und Klo zu gewöhnen. Selbst als WILMA dann auch ihre
Kiste verlies, um nach ihren Kindern zu sehen, während diese
draußen waren, war es kein
Problem, solange zwischen mir und WILMA ein "gebührlicher"
Abstand gewahrt blieb. Dann duldete sie sogar, dass ich ihre
Welpen anfasste, zumal sie ja auch bemerkt haben musste, dass
diese hoch erhobenen Schwänzchens auf mich zu kamen und laut
schnurrend ihre Streicheleinheiten verlangten und genossen,
und -vor allem- dass alle gesund und munter wieder zu ihr
zurück kehrten. MICA wurde mit ihrer Vermittlung am 14. Juli in MOLLY umgetauft, wickelte einen älteren Kater um die Pfoten und bereichert seither den Alltag ihrer Adoptivfamilie. MIRA und MERLIN wurden am 28. Juli zusammen vermittelt und sind noch immer ein "Dream-Team" in ihrer neuen Familie. Und WILMA? WILMA verschmerzte die Abwesenheit ihrer ersten Tochter, ohne dass wir etwas davon bemerkten. Nachdem zwei Wochen später auch die anderen beiden nach ihrem vermeintlichen Spielausflug ins Nachbarzimmer nicht mehr zurück gebracht wurden, und ich WILMAs Zimmer ohne diese beiden betrat, blickte sie mir nur zwei Tage erwartungsvoll entgegen, akzeptierte deren Verlust aber auch ohne Probleme. Etwa eine Woche später wurde WILMA rollig und gurrte mich an wie ein Täubchen, "sprach" ununterbrochen mit mir und streckte mir ihre Hinterpartie entgegen. Das war die Chance, ihr vielleicht etwas näher zu kommen. Aber weit gefehlt, an Berührung war nicht zu denken, sie schlug sofort mit der Vorderpfote oder ging an einen anderen Platz, um mir von dort aus wieder vermeintliche Avancen zu machen. In den folgenden Tagen und Wochen verbrachte ich viel Zeit in der Gegenwart von WILMA, immer in der Hoffnung, sie vielleicht doch so weit zähmen zu können, dass sie vermittelt werden konnte. Sie bewegte sich frei im Zimmer, hatte keinerlei Angst vor mir, was deutlich an ihrer Körpersprache abzulesen war. Ich durfte mich ihr bis fast auf Körperkontakt nähern, was schon ein großer Fortschritt war. Spielen lehnte sie kategorisch ab, schlug und krallte nach allen Bällchen, Angeln oder sonstigen Sachen, mit denen ihre Babys gespielt hatten und deren Verwendungszweck sie genau kannte. Aber Spielen hatte sie selbst wohl nie gelernt. Da sie sofort zum Angriff überging, wenn ich versuchte, sie mit meiner Hand zu berühren, benutzte ich ein Hilfsmittel in Form eines Stockes mit einem übergestülpten Handschuh. Anfangs schlug sie auch danach, akzeptierte aber sehr bald, dass dieses "Ungetüm" sie streichelte, ja, sie drückte sogar ihren Kopf gegen die Ersatzhand, schloss die Augen und schnurrte leise vor sich hin. Sie genoss die Streicheleinheiten! Ich begann, Hoffnung zu schöpfen. Drei Wochen später war ich noch immer auf dem gleichen Vertrauensstand mit ihr wie zuvor. Sobald sich meine Hand näherte, ging nichts mehr! Selbst meine Hand mit dem übergestülptem Handschuh, von dem sie sich noch auf dem Stock befindlich verzückt streicheln ließ, erkannte sie als Menschenhand und griff erbarmungslos an. So sehr sie meinen beruhigenden Worten intensiv zuhörte, die Augen dabei schloss und mir in gewisser Weise dadurch auch vertraute, so sehr misstraute sie meiner Hand. Schlechte Erfahrungen sitzen bekanntlich tief. Nun stellte sich natürlich die Frage: Wie weiter? WILMA musste kastriert werden und sollte danach keinesfalls noch über Monate, bis sie vielleicht (wer weiß, ob überhaupt) mal zahm würde, in ihrem Zimmer verbleiben. Da sie nicht angefasst werden wollte, sahen nicht nur wir uns mit Einfangen und zum Tierarzt bringen vor eine schwierige Aufgabe gestellt, sondern natürlich auch der Tierarzt selbst, der mir freundlicherweise bestätigte, ich könne WILMA zum Kastrieren bringen, sobald ich sie (zu einer akzeptablen Tageszeit) im Käfig hätte. Wir versuchten also zunächst, sie zum zweiten Mal ohne Zwang freiwillig in den Transportkäfig zu locken, den wir an ihrem Lieblingsplatz, der Fensterbank, geöffnet aufstellten. Bereits am zweiten Tag beobachtete ich, dass sie darin lag und aus dem Fenster blickte, wie sie es zuvor auch getan hatte, aber es war abends nach 23 Uhr! Den Käfig zu schließen hätte bedeutet, sie viele Stunden eingesperrt zu lassen. Also verzichtete ich darauf, und hoffte auf eine weitere besser passende Gelegenheit. Am folgenden Morgen lag WILMA stattdessen aber bequem auf einem Stuhl. Zwei Tage später jedoch hatten wir Glück. WILMA lag noch schlafend im Käfig auf der Fensterbank, als ich ihr das Frühstück brachte. Wie beim ersten Einfangen im Mai im Hinterhof konnte ich das Gitter problemlos schließen. So wurde WILMA am 23. August 2007 kastriert, tätowiert, gegen Flöhe und Milben behandelt. Zwei Tage verblieb sie noch in unserer Obhut und wurde dann in die Freiheit entlassen. Seither habe ich sie oft zum Futterplatz in die Garage schleichen sehen und bemerkt, dass sie auch den für sie hergerichteten Schlafplatz ab und zu, je nach Bedarf, annimmt. Mehr gibt es zu WILMA nicht zu sagen, außer, dass wir uns gewünscht hätten, sie hätte die Scheu vor Menschenhänden überwunden, was die "Eintrittskarte" zu einem behüteten Leben gewesen wäre. Wir wünschen ihr viel Glück und beobachten ihren Lebensweg weiter.
(Sept. 2007)
Nachtrag vom August 2008:
Wie so oft bei wieder ausgesetzten ehemals wilden Katzen ist WILMA seit Ende des vergangenen Jahres nicht wieder gesehen worden, was allerdings nicht heißt, dass sie nicht mehr in der Gegend ist. Diese "Wilden" verstehen es nur vorzüglich, so "im Verborgenen" zu leben, dass niemand bemerkt, dass sie da sind. Wenn sie nicht gefunden werden wollen, hat man keine Chance, sie zu finden. Wir halten allerdings weiter die Augen und Ohren auf und hoffen sehr, irgend wann einmal zu erfahren, was aus ihr geworden ist.
(Aug. 2007) |
| Nachtrag vom Juli 2009: Wir erhielten heute folgende traurige mail von MERLINs Familie: ....es fällt mir nicht leicht dir diese Mail zu schreiben. Merlin war am Montag mal wieder sehr dröselig und unachtsam. Er ist seiner Schwester über die Bahngleise hinterher gelaufen und hat sich wohl verschätzt. Der Zug, der sehr langsam hier fährt hat ihn erwischt. Er hat sich zu uns nach Hause geschleppt. Schwer verletzt. Seine Vorderpfote war total zertrümmert und am Hinterlauf hatte er einen offen Bruch mit sehr großer Fleischwunde - bis auf den Knochen. Der Arzt in der Tierklinik in Seligenstadt hat gekämpft damit sich der Knochen nicht entzündet und wir haben gehofft und gebangt. Eine Entzündung am Knochen bedeutet in diesem Zusammenhang dass amputiert werden muss und weil eben auch ein Vorderlauf amputiert werden musste, durfte sich eben der Knochen auf keinen Fall entzünden. Am Mittwochabend rief der Arzt an und ich musste eine Entscheidung treffen die keine war. Es hatte sich stark entzündet, war innerhalb von 3 Stunden eitrig geworden, dick, aufgequollen und übel riechend. Der Arzt war erleichtert dass ich ihm das ok gegeben habe Merlin einschlafen zu lassen. Er wollte nicht, dass er sich weiter quälen musste. Merlin war der Liebling in der Klinik, schnurrte natürlich wenn er gestreichelt wurde und hat trotz seiner Verletzungen immer versucht seinen dicken Bauch zum streicheln hinzustrecken. Die Sprechstundenhilfen haben ihn sehr oft gestreichelt und versucht, ihm so viel Aufmerksamkeit wie irgend möglich zu geben. Für uns (vor allem für N. die ihn zuerst im Hof gesehen hat) war das ein heftiger Schock. Er fehlt uns sehr. Tröstlich ist einzig, dass wir zwei wirklich tolle Jahre mit ihm hatten. Er hat uns oft schon alleine durch seine merkwürdigen Schlafstellungen zum Lachen gebracht und wir sind uns sicher, dass wir alles getan haben, ihm dafür ein schönes Leben zu gegeben. Mira ist im Moment sehr schreckhaft - sie hat den Unfall ja mitbekommen. Außerdem sucht sie ihn natürlich an all seinen Schlafplätzen und schimpft mit mir wenn ich nur noch einen Fressnapf fülle. Wir werden beobachten, wie sich ihr Verhalten entwickelt - ob sie alleine klar kommt. Heute also sehr traurige Grüße... Auch wir sind tief erschüttert über das Schicksal des tapferen kleinen MERLIN, der nicht nur große Schmerzen ertragen musste, sondern auch große Schmerzen bei seiner Familie und seiner Schwester hinterlassen hat. Es ist kaum in Worte zu fassen. Lieber MERLIN, im Land hinter der Regenbogenbrücke kannst Du wieder ausgelassen auf gesunden vier Beinen im grünen Gras toben! Wir denken immer gern an dich zurück. |
(Juli 2009)
Nachtrag vom Aug. 2009: Trotz oder wegen der tiefen Trauer um MERLIN und das seelische Leid von MIRA hat sich die Familie entschieden, ein neues Katerchen aufzunehmen. Er wird MERLIN nie ersetzen, aber er wird seiner Familie auf seine Weise Freude geben und vielleicht die traurigen Gedanken etwas aufhellen..... (Bilder von MIRA, MERLIN und MOWGLI bei ihrer Familie sind im KATZENPLATZALBUM zu finden.) (Aug. 2009) |