Wildfang
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15.02.2004)
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Wie ich erfuhr, war sie vermutlich durch ein geöffnetes Fenster in den Keller eines Einfamilienhauses eingedrungen, konnte aber nicht mehr raus. Die Hausbesitzer versuchten mehrere Stunden lang, das völlig scheue und total verängstigte Tier im Keller einzufangen, was ihnen letztlich mit dicken Handschuhen auch gelang. Als sie mir gezeigt wurde, saß sie in der Quarantänestation in einer etwa 1 x 1 Meter großen Box, in der als Schlafplatz noch ein geöffneter Transportkorb stand, eine Katzentoilette sowie Futter und Wasser. Die Katze selbst hatte sich mit dem Hinterteil ganz fest in eine Ecke des Käfigs gedrückt, so dass sie sehr klein wirkte. Auf Anhieb sah man nur ihr Gesicht, das ausschließlich aus Augen und Maul zu bestehen schien, die den Rest vom Körper verdeckten. Sie hatte panisch vergrößerte Augen, ein weit aufgerissenes Maul und fauchte uns mit aller Kraft an. Bislang war noch niemand in der Lage gewesen, ihr Geschlecht oder ihren Gesundheitszustand zu überprüfen, da sie sofort von Drohung auf Angriff uberging. |
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Hier in diesem kleinen Käfig konnte man unmöglich am Vertrauensaufbau arbeiten. Bei mir zu Hause wäre die Chance besser, zumal es da noch "BABY" und drei ihrer vier Geschwister gab. Diese waren damals gut acht Wochen alt, mit der Flasche für ein anderes Tierheim aufgezogen, und sie würden mir sicher helfen, den Wildfang zu zähmen, indem sie "mit gutem Beispiel voran gingen". Aber ich wusste, es würde eine schwierige Aufgabe werden. Ich redete trotz ihres Fauchens beruhigend auf sie ein, wobei ich darauf achtete, ihr nicht in die Augen zu schauen. Nach einer kurzen Weile schlüpfte sie in den Transportkorb, vermutlich um sich meiner Gegenwart zu entziehen. Ich nutzte die Gelegenheit, den Korb zu schließen, deckte ihn mit einem Tuch ab und nahm WILDFANG, wie ich die Katze nannte, mit nach Hause.
Da WILDFANG noch keinem Tierarzt vorgestellt worden war, und keiner wusste,
ob sie Krankheiten in sich trägt, könnten die anderen vier Welpen
eventuell auch krank werden, wenn ich alle zusammen halte. Für WILDFANG war es aber enorm wichtig, etwa gleich alte, zahme und extrem
menschenbezogene Katzengesellschaft zu haben. Da meine anderen Babys
bereits geimpft
waren, ging ich dieses Risiko ein - für WILDFANG! Ich
sollte es nicht bereuen! |
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Zu Hause angekommen stellte ich den geöffneten Transportkorb ins Zimmer der anderen Welpen, fing an, mit ihnen zu spielen, und überließ es WILDFANG, gleich heraus zu kommen oder aber erst später. Es dauerte keine fünf Minuten! Alle Achtung, diese Katze hatte Selbstbewußtsein und Mut! Weitere fünf Minuten, nachdem sie neben dem Käfig Platz genommen und sich das Geschehen angeschaut hatte, stellte sie sich jedem gerade vorbeikommenden Baby in den Weg, um es zu beschnuppern und kennen zu lernen. Kurz darauf gesellte sie sich zu ihnen, spielte mal mit der einen, mal mit der anderen, kickte ein Bällchen durch den Raum und schien eine völlig andere Katze zu sein, als noch ein oder zwei Stunden zuvor. Ich saß auf dem Boden auf einer Decke und "meine" Babys tobten auf mir rum. Auf meinen ausgestreckten Beinen, auf dem Schoß, auf den Schultern. Das beobachtete WILDFANG interessiert, hielt sich aber in genau dem Abstand, der meine Armlänge um 10 cm überschritt. Für diesen Tag wollte ich es genug sein lassen, WILDFANG hatte für den Anfang genug positive Erfahrungen gesammelt.
Die folgenden Tage verliefen
ähnlich. WILDFANG lag, wenn sie schlief, in einer Kiste, einem
Fach des Schrankes oder hinter einem Möbelstück, ringsum in
Deckung, so dass ich mich nur von vorne nähern konnte. Ich
versuchte dann vorsichtig, sie mit meiner Hand zu berühren.
Von ihrem Fauchen und dem Schlagen mit der Vorderpfote (ohne
Krallen!) ließ ich mich nicht abschrecken. Die Hand blieb
einfach nahe ihrem Kopf oder der Schulter liegen und tat
nichts weiter, bis sich WILDFANG beruhigt hatte. Sie lief nicht
weg, also konnte es für sie nicht so schlimm sein, wie sie
tat. Dann rückte meine Hand etwas näher heran, und das Ganze
begann von vorne. So gelang es mir nach und nach, sie mit den
Fingerspitzen an Hals, Schultern oder Rücken zu kraulen. Sie
genoss es nicht wirklich, akzeptierte es aber und lernte
dabei, dass Hände nicht nur schmerzhaft zupacken sondern auch
wohltuend wirken können. |
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Beim Spielen allerdings konnten wir die meisten Fortschritte erzielen. Zum Spielen war WILDFANG allzeit bereit und ließ sich immer wieder dazu animieren, aus ihrer Deckung hervor zu kommen.
Dann wurden wenige Tage nach
ihrer Ankunft drei der vier anderen Welpen vermittelt, nur ein
Welpe, genannt BABY,
blieb, da ich ihre Unterstützung ja noch brauchte. Zu zweit
war die Sache mit dem "Lernen im Spiel" überschaubar, auch für WILDFANG. Sie (und es war eine "sie", wie ich bald sehen
konnte) orientierte sich stark an dem, was BABY tat. BABY kam
im Laufe der Spielstunde oft auf meinen Schoß, um sich dort
ihre Streicheleinheiten zu holen, wobei sie intensiv schnurrte
und mit den Vorderpfoten auf mir trippelte, bevor sie sich
wieder den Spielsachen widmete. WILDFANG saß dann auf
Tuchfühlung mit meinen Beinen und beobachtete BABY. Ich konnte
förmlich das Fragezeichen auf ihrer Stirn sehen, als sie
abwechselnd von BABY zu mir und wieder zurück blickte. Sie
wollte das auch! Schnurren und Milchtritt bedeuten höchstes
Wohlbehagen, also muss es da auf dem Schoß doch angenehm sein,
und überhaupt, BABY ist ja auch da... aber wie sollte sie das
am besten hinkriegen? |
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Ihre Taktik war einfach! Erst näherte sie sich meinen Füßen, stupste ihr Näschen hinein und nahm meinen Geruch intensiv auf. Dann kam sie näher und legte sich nach einigem Zögern zu BABY, halb auf die Decke, halb auf mich, und fing an zu schnurren, dass die Wände wackelten! Der Bann war also gebrochen, und ich war mächtig stolz auf mein schlaues kleines Mädchen und natürlich auch auf BABY. Jetzt machte WILDFANG jeden Tag riesige Fortschritte. Es machte mir ganz viel Freude, zu sehen, wie schnell sie sich die positiven Dinge zu eigen machte. Sie war nicht nur selbstbewußt und mutig, sondern auch noch intelligent dazu. |
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Ich bewaffnete mich also mit ihrem Lieblingsspielzeug und fuhr zu ihr, um ihr "ins Gewissen zu reden". Kaum dort angekommen vernahm sie meine Stimme und ließ ein fragendes Miau hören. Ich sprach mit ihr und zeigte ihr die Fellkugel, die sie so liebte. Sie blickte mich mit großen Augen von hinter der Couch aus an, gab ein weiteres Miau von sich, dass zweifelsfrei hieß "schön, dass du auch schon kommst!" und begann neben der Couch mit mir und ihrer Kugel zu spielen, bevor sie den Raum erkundete und CHAMP freundlich begrüßte.
Sie hatte verstanden, dass sie
hier genau so willkommen war, wie vorher bei uns.
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WILDFANG, die in MOMO umgetauft wurde, ist mir als ganz besondere Katze mit ganz besonders liebenswertem Charakter und einer ausgeprägten Intelligenz im Herzen geblieben. Danke WILDFANG, auch ich habe viel von dir gelernt! (Sept. 2006) |
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