DER SCHWARZE     ein Häufchen Elend     (*~ 2005 - 06.01.2011)    

 

Die (kurze aber tragische) Geschichte dieser armen Seele müssen wir hier bei den ehemaligen Notfällen aufnehmen, weil es wieder mal ein treffendes Beispiel dafür ist, wie wenig sich manche Tierbesitzer um das Wohlergehen der von ihnen abhängigen Tiere kümmern.

"Der Schwarze" ist  ein gar nicht so seltener Fall und klagt alle an, die ihre Tiere ebenso leiden lassen, ohne zu handeln!

(Die ganz schlimmen Fotos, die wir von ihm gemacht haben, veröffentlichen wir hier nicht. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich sein extrem jämmerlicher Zustand auch so.)
 

Am 29. Dezember 2010 erhielten wir einen Anruf, dass im Garten, im Schnee liegend, eine fremde, sehr schlecht aussehende Katze liegen würde, der es "gar nicht gut" gehe. Da die Anruferin bereits Hund und Katze habe, fragte sie, ob wir das Tier aufnehmen und versorgen könnten. Wir sagten zu und die Dame brachte uns das Tier in eine Decke gewickelt auf ihrem Arm.

Es handelte sich um einen erwachsenen, nicht kastrierten und nicht gekennzeichneten aber komplett zahmen und zutraulichen Kater. Sein ausgemergelter Körper, umgeben von struppigem ungepflegten Fell zeigte an, dass er schon seit Wochen nicht mehr ausreichend ernährt wurde bzw. sich selbst nicht ausreichend mit Futter und Wasser versorgt hatte und wohl auch nicht in der Lage war, sein Fell zu pflegen. Der schwarze war komplett abgemagert und so ausgetrocknet, dass seine Augen schon ganz tief im Kopf lagen und er Mühe hatte, diese überhaupt zu öffnen. Davon abgesehen waren die Augenhöhlen mit Tränenflüssigkeit, die nicht ablaufen konnte, verklebt und verschmiert. Der aus dem Maul fließende Eiter hatte sein Fell im Maul- und Halsbereich verklebt, und nach nur 10 Minuten seiner Anwesenheit roch das gesamte Zimmer nach seinem fauligem Eiter. Seine Körpertemperatur war etwa ein Grad unter dem Normalwert und er wog nur 2.440 Gramm, was dem Gewicht eines etwa 4-monatigen Kätzchens entspricht. Einen weiteren Tag bzw. eine weitere Nacht bei diesen Minusgraden im Schnee hätte er ganz sicher nicht überlebt! Es war also höchste Zeit, wenn nicht sogar schon zu spät, dass ihm geholfen wird. Während der gesamten Zeit meiner Untersuchung schnurrte der Kater voller Dankbarkeit...

Frau Sch., die den Kater gebracht hatte, wollte sich nach dem Besitzer erkundigen. Dass dieser, falls er überhaupt gefunden würde, sein Tier nicht wieder bekommen würde, sondern allenfalls mit einer Anzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz zu rechnen habe, versteht sich von selbst.
 

 
   

Ich bot dem Kater Futter und Wasser an und verständigte die Tierärztin, die kurz darauf auch hier eintraf. Sie bestätigte im Wesentlichen meine Untersuchungsergebnisse und seinen erbärmlichen Zustand, gab dem Kater Infusionen, um den Flüssigkeitshaushalt auf zu füllen und Antibiotika. Am Tag darauf war eine Nachbehandlung vereinbart. Während der Behandlung durch die Tierärztin schnurrte der Kater ununterbrochen!

Für das ihm angebotene Futter interessierte er sich zwar, konnte es aber aufgrund der verfaulten und vereiterten Zähne nicht aufnehmen. Selbst Wasser trinken bereitete ihm Probleme. Seine Zähne hingen an mehreren Stellen nur noch teilweise im Kiefer, standen kreuz und quer, wackelten hin und her und verursachten höllische Schmerzen. Ich bereitete ihm also ein vom Tierarzt empfohlenes Futter vor, das alles beinhaltet, was er braucht, und womit er über Tage und sogar Wochen künstlich ernährt werden konnte.

Da er zu schwach war, um auf den Kratzbaum oder die Fensterbank zu gelangen, hielt er sich nur am Boden seines Zimmers auf. Ich setzte mich zu ihm, und, obwohl ihm die Kraft in den Hinterbeinen fehlte, robbte er sich auf meinen Schoß und schnurrte, schnurrte, schnurrte.... So konnte ich ihm langsam und vorsichtig alle 2 Stunden mit der Spritze das breiige Futter eingeben, das er nur zu schlucken brauchte. Das klappte auch erstaunlich gut, jedoch musste er wegen der gefährlichen Austrocknung dringend weitere Infusionen bekommen. Dieser Flüssigkeitsverlust kann nicht nur durch Eingabe ins Maul ausgeglichen werden.

Am folgenden Tag wurde der schwarze erneut unter das Fell infundiert und erhielt zusätzlich Kortison und B-Vitamine. Er war noch immer so schwach, ausgetrocknet und in dem selben erbärmlichen Zustand wie am Vortag. Ich fütterte ihn alle paar Stunden und konnte abends feststellen, dass er rund 80 Gramm "zugenommen" hatte. Allerdings wusste ich, dass das noch lange kein Grund zum Jubeln war! Erschwerend kam hinzu, dass er etwa 30 Minuten nach jeder Fütterung in hohem Bogen mit viel Druck Flüssigkeit über den Darm entleerte. Die dadurch dem Körper entzogenen Nährstoffe, mussten dringend mit Dauerinfusion über die Vene kompensiert werden, was nur in einer Klinik unter tierärztlicher Beobachtung zu machen ist.
 

Am nächsten Morgen,  dem letzten Tag des Jahres 2010, brachte ich ihn in die tierärztliche Klinik, wo er stationär aufgenommen und intensiv medizinisch betreut wurde. Weitere Untersuchungen ergaben, dass die Blutwerte einigermaßen in Ordnung waren. Leber- und Nierenwerte waren zwar leicht erhöht aber nicht kritisch, da das abgenommene dicke Blut aufgrund der Konzentration schon höhere Werte aufweist. Der Kreatininwert war normal, die Leukozyten mit 30.000 aber gravierend erhöht. Kein Wunder bei dem Zahnbild. Die Röntgenbilder des Brust- und Bauchraumes ergaben keine Anomalien. Herz, Leber, Lunge, Nieren, Darm, alles so weit in Ordnung.

Aber der Kater hatte eine Ladung Schrotkugeln im Hinterteil und im Schulterbereich. Es waren rund 20 einzelne Kugeln, die aber "nur" irgendwo im Fleisch steckten und keine lebensnotwendigen Organe beschädigt hatten. Dem armen Kerl blieb aber auch nichts erspart! 


 

 

 

 

 

 

 


Während der Auswertungen der Untersuchungsergebnisse lag er in meinen Armen, und ich überwachte die Infusion über die Vene. Selbst hier in der Praxis ließ er alle Untersuchungen schnurrend über sich ergehen.

Das war leider das letzte mal, dass ich ihn im Arm halten und streicheln konnte.
 

Am 1. Januar 2011 konnte ich wegen des Feiertags nicht nachfragen, wie es dem Katerchen geht, am darauf folgenden Sonntag natürlich auch nicht. Da ich darum gebeten hatte, informiert zu werden, wenn sich irgend etwas dramatisiert, und kein Anruf kam, war ich voller Zuversicht, dass es bergauf geht mit dem schwarzen Schmuser. Ich dachte ununterbrochen an ihm! Montags dann erfuhr ich, dass er trotz Medikamentengaben, Dauerinfusion und Rundumbetreuung noch immer sehr schwach und ausgetrocknet sei, Untertemperatur habe, was für einen instabilen Kreislauf spräche, und künstlich ernährt würde, weil er nach wie vor trotz Schmerzmittel nichts fressen würde. Man hoffte auf Besserung am kommenden Tag.

Aber am kommenden Tag war nichts besser! Die vereiterten Zähne hinderten den Kater am Fressen, selbst Schmerzmittel halfen da nicht weiter. Aber er muss Fressen, da die Infusionen allein nicht ausreichen. Da er in seinem noch immer schwachen und ausgetrockneten Zustand aber nicht narkosefähig ist, und die Zähne nicht ohne Vollnarkose saniert werden können, war eine schwierige Entscheidung zu treffen.

Trotz hohem Narkoserisiko wurde der schwarze Kater am Dienstag, 4. Jan., 4 Tage nach seiner Einlieferung in die Klinik, in Narkose gelegt. Die traurige Bilanz: es mussten ALLE Backenzähne gezogen werden!  Am folgenden Morgen war noch nicht viel zu erfahren, außer, dass er in einem kritischen Zustand sei, und man einfach abwarten müsse, wie er sich erholt. Noch einen Tag später, am 6. Januar ging es ihm noch immer schlecht. Er lag wegen zu geringer Körpertemperatur auf der Wärmedecke und kämpfte um sein Leben.

Der schwarze hat noch am gleichen Abend seinen Kampf verloren und ist friedlich über die Regenbogenbrücke in den Katzenhimmel gegangen.

Wir trauern sehr um diesen lieben tapferen Kerl und hätten uns gewünscht,
dass er nur ein, zwei Tage vorher gefunden worden wäre.
Vielleicht hätte man ihn dann noch retten können.