PHANTOM     der Extreme       (*~ 2000)    

 

Aus zwei Gründen passte der Name PHANTOM zu dem extrem scheuen Kater ganz vorzüglich. Zum Einen wegen seiner schwarzen „Augenklappe“, die uns an „das Phantom der Oper“ erinnerte, und zum Zweiten, weil er wie ein Phantom kam und auch wieder verschwand.

Zum ersten Mal entdeckte ich ihn in unserem Garten. Das muss etwa Mitte 2001 gewesen sein. Er saß am letzten Ende des Grundstückes und verschwand blitzschnell über den Zaun, kaum dass ich auf der Terrasse erschienen war.

In unserer Nähe waren erst wenige Monate zuvor eine große Zahl hauptsächlich schwarz-weißer wilder Katzen, die sich in einer abgebrannten ehemaligen Scheune aufhielten, eingefangen und kastriert worden. Einige mussten wieder ausgesetzt werden, weil sie einfach nicht zu zähmen waren, sich im Tierheim aufgaben und dort die Nahrungsaufnahme verweigerten. Die in unmittelbarer Nachbarschaft lebenden Familien hatten sich wegen der Katzenflut belästigt gefühlt, diese mit allen Mitteln zu vertreiben versucht und letztlich beim Tierheim angerufen, das die Aktion leitete. PHANTOM musste wohl einer der wieder ausgesetzten gewesen sein.  Ich hatte ihn bis zu seinem ersten Auftauchen bei uns noch nie gesehen. Das sollte sich aber bald grundlegend ändern!

Er war es gewohnt, vertrieben und verjagt zu werden, hatte mit den Menschen keine guten Erfahrungen gemacht und rannte mit eingeklemmtem Schwanz davon, so schnell ihn seine Beine trugen, wenn er einen Menschen in seiner Nähe bemerkte.

Er war eine der scheuesten Katzen, die ich je gesehen hatte, und sein Misstrauen schien grenzenlos.

Wenn er also bei uns erschien (und er kam immer wieder!), verlegte ich mich darauf, ihn von oben aus dem Fenster zu beobachten. Ganz geduckt laufend schlich er sich, immer in Deckung, auf die Terrasse und „las erst einmal Zeitung“, wie ich es nannte. Das heißt, er nahm sorgfältig jede Spur auf, die eine unserer Katzen dort hinterlassen hatte, und muss da wohl „gelesen“ haben, dass sich die Katzen an diesem Ort wohl fühlten, gesättigt, zufrieden und rundum glücklich waren, und dass auch Streuner wie er willkommen waren. Das ermutigte ihn, das Futter auf der Terrasse anzunehmen und beim nächsten Hunger wieder zu kommen. Die positiven Spuren der anderen schienen ihm eine gewisse Sicherheit zu geben.
 

Diese Sicherheit sollte sich erst festigen, bevor ich mich mit ihm befassen konnte. Manchmal bemerkte er mich und meine Neugier und lief wieder davon wie ein schwarz-weißer Blitz, aber er hielt nach einer bestimmten Distanz, die von Mal zu Mal kürzer wurde, an, schaute sich um, beobachtete mich, kratzte sich verlegen am Ohr und nahm in sicherer Entfernung Platz, um abzuwarten, was passieren würde. Sicher dachte er: Verschwind’ doch bitte wieder, damit ich weiter fressen kann!

Ich tat ihm den Gefallen  -  bis zum nächsten Mal! So gingen Monate, ja sogar Jahre ins Land. Immerhin konnten wir uns so weit aneinander annähern, dass er nicht weglief, solange ich die „kritische Distanz“ nicht unterschritt, und dass ich bei geschlossener Terrassentür innen stehen durfte, während er auf der anderen Seite draußen ruhig weiterfraß.
 

Unsere Katzen und auch einige der Streuner wussten, dass ich täglich zur selben Zeit mit Leckereien aus der Hand auf die Terrasse kam, und jeder seinen Teil bekam. Ich habe mir das angewöhnt, um das Vertrauen zu festigen bzw. aufzubauen. Bei diesen „Vertrauensfütterungen“ schaute Phantom erst aus sicherem Abstand zu, gesellte sich dann aber bald dazu. Dies gab mir die Möglichkeit (gemein wie ich bin), ihm ein Fleischbällchen mit Wurmtablette zuzuwerfen, das er auch fraß.

PHANTOM hatte schon seit einiger Zeit immer mal wieder Streit mit unseren Katzen angefangen, weil er sein neues Revier samt zugehörigem Futternapf zu verteidigen hatte. Er war nichts anderes gewöhnt, musste  doch zuvor um jeden Futterbrocken kämpfen. Unsere jedoch ließen sich, satt wie sie waren, auf nichts ein, und so passte sich PHANTOM immer mehr den bei uns herrschenden Regeln an. Er schien überhaupt sehr anpassungsfähig und intelligent zu sein, aber auch misstrauisch!
 

Mitte 2003, also rund 2 Jahre nach seinem ersten Erscheinen bei uns, war er so weit „angepasst“, dass er meine (als einzigen Menschen) Gegenwart nicht mehr scheute, sondern eher genoss und sich sogar von mir anfassen ließ, wenn auch noch etwas angespannt, ja eher „duldend“ – auch das musste er ja erst kennen lernen. Er war ferner an einem Punkt angekommen, wo er nur noch seinen gesamten Mut zusammennehmen und die Pfötchen über die Haustürschwelle setzen musste. Ich merkte, dass er  nur zu gerne auch das wollte, was die anderen taten, sich aber noch nicht traute.

Da kam ihm TIGER LILLY zu Hilfe. Die kleine freche Dame hatte ihn im wahrsten Sinne des Wortes draußen aufgelesen und zum Essen nach Hause eingeladen. Und es klappte! Dank ihrer Aufmunterung und Demonstration merkte er, dass es gar nicht so schlimm war, das Innere eines Hauses zu betreten. Zumal die gleichen „glücklichen Spuren“ von draußen auch drinnen zu finden waren.
 


 

Und jetzt ging alles rasend schnell.

Innerhalb kürzester Zeit wich er mir nicht mehr von der Seite. Wo ich war, war PHANTOM. Nach einer Woche, als ich nachts ein Gewicht auf meinen Beinen spürte, lag da PHANTOM. Es war einfach unglaublich. PHANTOM von einem Extrem ins andere. Erst „überscheu“, dann „überanhänglich“. Er verfolgte mich auf Schritt und Tritt, lief mir ständig zwischen den Beinen herum und wollte den ganzen Tag nur schmusen. Er legte sich zu mir, wann immer ich mich setzte oder legte, und bis heute schmust er leidenschaftlich gern mit Milchtritt, Sabbern und verzückt geschlossenen Augen. Und nachts „bewacht“ er mich, indem er im Bett oder auf meinen Anziehsachen liegt, bis ich aufstehe.

Er hatte auch schnell gelernt, dass man als Katze bei uns nach Belieben  raus oder rein kann, dass die Futternäpfe immer voll und die menschlichen Bewohner immer freundlich sind. Trotzdem blieb er anderen Personen gegenüber scheu, wachsam und auf Distanz, und erst rund ein Jahr später ließ er sich von meinem Mann schmusen. Inzwischen kommt er manchmal sogar bei Besuchern auf den Schoß!
 

   

 

Anfangs hatte ich nicht gedacht, dass es mir gelingen würden, den mit schlimmen Erfahrungen reich „beschenkten“ Kater zu zähmen, aber Geduld, Verständnis und Liebe haben sich wieder bezahlt gemacht.

PHANTOM, du hast uns dein Vertrauen
und deine Liebe geschenkt.
Wir werden dich nie enttäuschen!

(Sept. 2006)