KNUBBEL     der Freundliche  †     (*vor 1972 – 15.07.1994)  

 


Irgendwann im Januar 1982 saß er bei uns im Hof und miaute mich kläglich an. Er war schwarz mit weißen Pfötchen und offensichtlich schon sehr betagt. Sein Aussehen glich dem eines Obdachlosen. Er tat mir auf Anhieb leid. Trotzdem schickte ich ihn nach einigen Worten des Bedauerns wieder weg. Irgendwo gehört er sicher hin, irgendwer macht sich vielleicht Gedanken um ihn….

Stunden später entdeckte ich ihn wieder: zusammengerollt schlafend auf dem Abtreter vor der Hauseingangstür. Ein schwarzes Häufchen Elend bei minus 8 Grad, das offensichtlich meiner Hilfe bedurfte. Er hatte triefende, teils verklebte Augen und war ziemlich abgemagert. Ich brauchte ihn nicht zu bitten, ins Haus in die Wärme zu kommen, das tat er von sich aus. Das ihm angebotene Scheibchen Wurst nahm er an, legte sich auf die Couch (!) und schlief wieder ein. Er war zutraulich und freundlich, gerade so, als ob er schon immer bei uns wohnen würde. Und ich dachte mir: hoffentlich ist er noch da, wenn die Kinder heimkommen. Dann fuhr ich kurz weg, um Katzenfutter zu besorgen.

Er blieb bis zum späten Abend, nahm dankbar sein Abendessen ein und ging dann zur Eingangstür, wo er durch leises Miauen darum bat, wieder hinaus zu dürfen. Wir ließen ihn gehen, und sein plötzliches Interesse an uns beschäftigte mich noch viele Stunden.

Am nächsten Morgen fiel mir jenseits der Glas-Eingangstür ein schwarzer Schatten auf. Nanu, was ist das denn? Ich hätte fragen sollen wer ist das denn! Es war der freundliche Kater vom Vortag und spontan fiel mir ein Satz ein, den ich lange Zeit vorher in einem Katzenbuch zum Thema Streuner gelesen hatte: Erst schleichen sie sich in ihr Herz und dann in ihr Haus. Ja, genau so war es!

Bereits am dritten Tag seines Auftauchens bei uns ließ er sich ohne jegliche Gegenwehr in einen Transportkäfig packen und zum Tierarzt fahren. Der Katzenschnupfen musste dringend behandelt werden! Und überhaupt – ich hatte viele Fragen an den Doc, zeichnete sich doch ab, dass der Schwarze bei uns bleiben wollte.


Wir erfuhren, dass er grundsätzlich, bis auf den Katzenschnupfen, gesund sei. Er war nicht kastriert, hatte keine Tätowierung und musste aufgrund seines Erscheinungs- und Zahnbildes „weit über“ 10 Jahre alt sein. Die Untersuchung, Behandlung und die Spritzen gegen den Katzenschnupfen ließ der Kater wie ganz selbstverständlich über sich ergehen. Ich war tief beeindruckt von seiner freundlichen, menschenbezogenen und vertrauensvollen Art.

Unsere intensiven Nachforschungen nach seinem Besitzer oder seiner Herkunft verliefen jedoch im Sande. Keiner kannte ihn. Er kam regelmäßig jeden Morgen wie selbstverständlich ins Haus und ging irgendwann nachts wieder seiner Wege. Es war also an der Zeit, ihm einen Namen zu geben, und der war KNUBBEL.


Nachdem KNUBBEL seinen Katzenschnupfen besiegt hatte, kastriert, entwurmt, geimpft war, kehrte eine gewisse Regelmäßigkeit ein, und KNUBBEL erwies sich als echter Glücksgriff! Er war richtig bei uns eingezogen, war immer freundlich, immer bereit, geschmust zu werden, immer die Ruhe selbst, immer im Positiven vorhersagbar. Er hat nicht ein einziges Mal gekratzt, gebissen oder sich sonst wie gegen Menschen gewehrt.

Bis gut zwei Jahre später im Mai 1984 KITTY dazukam, war er unsere einzige Katze. Er akzeptierte sie vom Fleck weg genau wie später ONKEL AUGUST, den wir 1991 bei uns aufnahmen. Es gab mit KNUBBEL einfach keine Probleme, und wir erfreuten uns jeden Tag aufs Neue seiner Anwesenheit.

Dass man jedoch irgendwann auch einmal Abschied voneinander nehmen muss, wurde uns höchst schmerzlich im Juli 1994 bewusst: 


KNUBBEL hatte mehrere Tage lang nichts mehr gefressen. Das ist ein sicheres Zeichen bei jeder Katze, dass der Tierarzt aufgesucht werden muss. Wie sich herausstellte, hatte er einen bereits faustgroßen Tumor im Darm, wodurch der Futterbrei nicht mehr verarbeitet werden konnte und im Darm stecken blieb. Das Todesurteil!
 

Nein, das konnte nicht sein, obwohl ich den Tumor deutlich tasten konnte, wollte ich es einfach nicht glauben. Da musste doch noch was zu machen sein! Ich konsultierte einen zweiten Tierarzt, und ohne, dass ich ihm von der bereits bekannten Diagnose berichtete, sagte er: „…den Tumor im Darm könnten wir zwar operieren, aber es wird ihm nach der OP aufgrund seines Alters deutlich schlechter gehen, als vorher! Wollen sie ihm das wirklich antun?“ Nein, ich wollte nicht. Wie benommen nahm ich KNUBBEL zum Abschiednehmen wieder mit nach Hause, den Termin zum Einschläfern zwei Tage später bereits in der Tasche. Ich kam mir wie ein Verräter vor, musste ich doch entscheiden, seinem Leben ein Ende zu setzen. Ausgerechnet bei KNUBBEL, der mir so bedingungslos vertraute. 
 

Trösten konnten wir uns allenfalls damit, dass KNUBBEL uns 12 ½ Jahre lang ein Freund war!

 

Was auch immer der Tierarzt damit meinte,

als er sagte, er sei „weit über 10“,
Knubbel erreichte das stolze Alter von mindestens 23,
wahrscheinlich sogar eher um 28 Jahre! 

  

 


KNUBBEL, verzeih mir!  Wir vermissen dich und deine liebe Art noch heute!
    

 

(Sept. 2006)