CHARLENE †      (*~2003 - 28.09.2007)

 

 

Als ich am 29. August 2007 abends gegen 22 Uhr einen Anruf bekam, der mit den Worten endete "...jetzt sag bitte nicht nein!" wusste ich noch nicht, dass dieser Katze nur noch ein weiterer Monat Leben gegeben war.

CHARLENE, wie wir sie nannten, wurde uns gebracht von aufmerksamen Tierfreunden, die beobachtet hatten, wie sie von einem ausländischen Mitbürger mehrfach heftig in den Leib getreten wurde und sich nicht dagegen wehrte. Sie verkroch sich nur unter einem Auto, wurde an Schwanz oder Beinen wieder heraus gezogen und weiter geprügelt und getreten. Die Worte, die dabei fielen, waren wenig freundlich, das konnte man trotz der Fremdsprache deutlich verstehen.

Natürlich griffen die Tierfreunde ein, wurden milde belächelt, auch beschimpft und mehr oder minder aufgefordert, das Mistvieh zu entfernen, es gehöre sowieso niemandem. Das taten sie auch. Sie packten CHARLENE ins Auto und riefen bei uns an, ob wir sie aufnehmen könnten. Wir sagten nicht nein und brachten die Katze in einem separaten Raum unter.                                                                                                                   

so kam CHARLENE bei uns an

Sie verließ den Transportkorb sofort und rieb ihren Kopf an meinen Beinen. Kaum zu glauben nach dieser Vorgeschichte! Ich bemerkte nicht nur, dass sie sehr vertrauensvoll war und nach Streicheleinheiten gierte, sondern auch, dass sie in einem schlechten Allgemeinzustand war, stumpfes struppiges Fell hatte, eine Beule am Kopf, einen schiefen Unterkiefer, und dass sie ziemlich wackelig war auf den Hinterbeinen. Es waren aber keine Anzeichen behandlungsbedürftiger akuter Verletzungen zu bemerken, weshalb ich sie einige Tage mit gutem Futter versorgt weitestgehend in Ruhe ließ, aber ihren Zustand genau beobachtete.

Sie fraß sehr wenig, und ich musste sie zu jedem Futterbrocken ermutigen, genau so, wie ich sie überhaupt erst ermutigen musste, aus ihrer Ecke zu kommen, damit sie fressen konnte. Aber die Streicheleinheiten auf meinem Schoß genoss sie sehr! Sie lag dann fast unbeweglich und schnurrte mit geschlossenen Augen. Es erstaunte mich sehr, dass CHARLENE von Anfang an keinerlei Misstrauen gegen mich hegte, keine Angst zeigte, nicht fauchte, biss oder weglief. Sie musste monatelang gequält worden sein und trotzdem vertraute sie mir blind. Ich versprach ihr eine bessere Zukunft und setzte alles daran, dieses Versprechen auch einzulösen.
 

CHARLENE war kastriert und tätowiert. Also musste sie irgend wann einmal irgend wem etwas bedeutet haben. Nach mehreren Telefonaten war klar, dass ihre Tätonummer nicht registriert und sie nicht als vermisst gemeldet war. Wir hätten den Besitzer nur zu gern ausfindig gemacht, aber Fehlanzeige! Insgeheim waren wir allerdings froh darüber, denn sie musste auf irgend eine Art und Weise auf der Straße gelandet sein, was dem Besitzer nicht entgangen sein konnte. Und wenn er sie nicht vermisst....

Am 3. September stellten wir sie dem Tierarzt vor zur Überprüfung des Allgemeinzustandes. Eine eingehende Untersuchung einschließlich Röntgen-Übersichtsaufnahme ergab keinerlei innere Verletzungen, keine frischen Frakturen und auch sonst nichts, was akut behandelt werden müsste. Entwurmen und aufpäppeln war also angesagt.

CHARLENE bekam ein gut verträgliches Wurmpräparat, genau auf ihr Gewicht abgestimmt. Nur zwei Tage später bekam sie heftigen Durchfall. Am Folgetag noch Erbrechen dazu und heftige Darmkrämpfe. Sie schrie vor Schmerzen, fauchte und knurrte, wenn sie den Durchfall verlor und gleichzeitig erbrach, während sich ihr sowieso schon geschwächter Körper in Schmerzwellen verkrampfte. Der Tierarzt, der uns zum Glück außerhalb der Sprechzeiten empfing, gab verschiedene Medikamente und infundierte die arme CHARLENE an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Die Kotprobe ergab außerdem Kokzidienbefall, und ich bekam ein Medikament zur täglichen Eingabe.

Nach der Tierarztbehandlung war der Durchfall zurückgegangen, die Schmerzen weg, und CHARLENE nahm brav ihre Medizin gegen die Kokzidien. Aber sie lag nur noch apathisch in ihrer Ecke. Selbst meine Ermutigungen zum Schmusen, denen sie vorher noch Folge geleistet hatte und von alleine auf meinen Schoß kam, blieben jetzt ohne Resonanz, weshalb ich zu ihr in ihre Ecke kroch und sie dort streichelte und bedauerte. Auch ihr Schnurren war deutlich verhaltener als vorher, wie überhaupt die Katze sich insgesamt deutlich verhaltener zeigte. Sie hielt sich 24 Stunden am Tag nur in ihrer Ecke auf und hob meistens noch nicht mal den Kopf, um mir entgegen zu schauen, wenn ich in ihr Zimmer kam. Auch ihre Atmung wirkte angestrengt, das Herz schlug heftig.

 

All das gab mir Grund zur Beunruhigung. Ich stellte CHARLENE erneut dem Tierarzt vor, der weitere umfangreichere Untersuchungen vornahm. Binnen drei Tagen war klar, dass CHARLENE von vornherein keine Chance auf ein besseres Leben gehabt hatte. Ihr Herz und die Leber waren auf ein Vielfaches vergrößert, die Arterien und die Hohlvene hochgradig gestaut. Vier von sieben Blutwerten waren außerhalb des Messbereichs, die anderen drei, gelinde gesagt, katastrophal. Und sie wurde FIV positiv getestet.

Dem Tierarzt und uns blieb keine andere Wahl, als CHARLENE zu erlösen. Es waren einfach zu viele gravierende Dinge, die da zusammen kamen:  Ein Herz, das nicht richtig funktioniert, eine Leber, die nicht mehr arbeitet, ein Rückenmark, das kein Blut mehr produziert und die Immunschwäche FIV (auch Katzen-Aids genannt), die jeglichen Behandlungsversuch zunichte macht.

Jetzt verstanden wir auch, warum sich CHARLENE nicht gegen die Misshandlungen gewehrt hatte; sie war aufgrund ihrer tödlichen Erkrankungen einfach nicht in der Lage dazu. Und ihr Vertrauen zu uns kann nur ein Hilferuf gewesen sein.

 

 

Nur leider hatten auch wir von vornherein keine Chance, sie zu retten.

(Sept. 2007)

Es tut uns leid, arme CHARLENE, wir hätten dir gern
auf eine andere Art geholfen.