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Als ich am 29.
August 2007 abends gegen 22 Uhr einen Anruf bekam, der mit den
Worten endete "...jetzt sag bitte nicht nein!" wusste ich noch
nicht, dass dieser Katze nur noch ein weiterer Monat Leben
gegeben war.
CHARLENE, wie wir
sie nannten, wurde uns gebracht von aufmerksamen Tierfreunden,
die beobachtet hatten, wie sie von einem ausländischen
Mitbürger mehrfach heftig in den Leib getreten wurde und sich
nicht dagegen wehrte. Sie verkroch sich nur unter einem Auto,
wurde an Schwanz oder Beinen wieder heraus gezogen und weiter
geprügelt und getreten. Die Worte, die dabei fielen, waren
wenig freundlich, das konnte man trotz der Fremdsprache
deutlich verstehen.
Natürlich griffen die Tierfreunde
ein, wurden milde belächelt, auch beschimpft und mehr oder
minder aufgefordert, das Mistvieh zu entfernen, es gehöre
sowieso niemandem. Das taten sie auch. Sie packten CHARLENE
ins Auto und riefen bei uns an, ob wir sie aufnehmen könnten. Wir sagten nicht nein und brachten die Katze in einem
separaten Raum unter.
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so kam CHARLENE bei uns an |
Sie verließ den Transportkorb
sofort und rieb ihren Kopf an meinen Beinen. Kaum zu glauben
nach dieser Vorgeschichte! Ich bemerkte nicht nur, dass sie
sehr vertrauensvoll war und nach Streicheleinheiten gierte,
sondern auch, dass sie in einem schlechten Allgemeinzustand
war, stumpfes struppiges Fell hatte, eine Beule am Kopf, einen
schiefen Unterkiefer, und dass sie ziemlich wackelig war auf
den Hinterbeinen. Es waren aber keine Anzeichen
behandlungsbedürftiger akuter Verletzungen zu bemerken,
weshalb ich sie einige Tage mit gutem Futter versorgt
weitestgehend in Ruhe ließ, aber ihren Zustand genau
beobachtete.
Sie fraß sehr wenig, und ich
musste sie zu jedem Futterbrocken ermutigen, genau so, wie ich
sie überhaupt erst ermutigen musste, aus ihrer Ecke zu kommen,
damit sie fressen konnte. Aber die Streicheleinheiten auf
meinem Schoß genoss sie sehr! Sie lag dann fast unbeweglich
und schnurrte mit geschlossenen Augen. Es erstaunte mich sehr,
dass CHARLENE von Anfang an keinerlei Misstrauen gegen mich
hegte, keine Angst zeigte, nicht fauchte, biss oder weglief.
Sie musste monatelang gequält worden sein und trotzdem
vertraute sie mir blind. Ich versprach ihr eine bessere
Zukunft und setzte alles daran, dieses Versprechen auch
einzulösen.
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CHARLENE
war kastriert und tätowiert. Also musste sie irgend wann
einmal irgend wem etwas bedeutet haben. Nach mehreren
Telefonaten war klar, dass ihre Tätonummer nicht registriert
und sie nicht als vermisst gemeldet war. Wir hätten den
Besitzer nur zu gern ausfindig gemacht, aber Fehlanzeige!
Insgeheim waren wir allerdings froh darüber, denn sie musste
auf irgend eine Art und Weise auf der Straße gelandet sein,
was dem Besitzer nicht entgangen sein konnte. Und wenn er sie
nicht vermisst....
Am 3. September stellten wir sie
dem Tierarzt vor zur Überprüfung des Allgemeinzustandes. Eine
eingehende Untersuchung einschließlich
Röntgen-Übersichtsaufnahme ergab keinerlei innere
Verletzungen, keine frischen Frakturen und auch sonst nichts,
was akut behandelt werden müsste. Entwurmen und aufpäppeln war
also angesagt.
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CHARLENE
bekam ein gut verträgliches Wurmpräparat, genau auf ihr
Gewicht abgestimmt. Nur zwei Tage später bekam sie heftigen
Durchfall. Am Folgetag noch Erbrechen dazu und heftige
Darmkrämpfe. Sie schrie vor Schmerzen, fauchte und knurrte,
wenn sie den Durchfall verlor und gleichzeitig erbrach,
während sich ihr sowieso schon geschwächter Körper in
Schmerzwellen verkrampfte. Der Tierarzt, der uns zum Glück
außerhalb der Sprechzeiten empfing, gab verschiedene
Medikamente und infundierte die arme CHARLENE an zwei
aufeinanderfolgenden Tagen. Die Kotprobe ergab außerdem
Kokzidienbefall, und ich bekam ein Medikament zur täglichen
Eingabe. |
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Nach der Tierarztbehandlung war
der Durchfall zurückgegangen, die Schmerzen weg, und
CHARLENE
nahm brav ihre Medizin gegen die Kokzidien. Aber sie lag nur
noch apathisch in ihrer Ecke. Selbst meine Ermutigungen zum
Schmusen, denen sie vorher noch Folge geleistet hatte und von
alleine auf meinen Schoß kam, blieben jetzt ohne Resonanz,
weshalb ich zu ihr in ihre Ecke kroch und sie dort streichelte
und bedauerte. Auch ihr Schnurren war deutlich verhaltener als
vorher, wie überhaupt die Katze sich insgesamt deutlich
verhaltener zeigte. Sie hielt sich 24 Stunden am Tag nur in
ihrer Ecke auf und hob meistens noch nicht mal den Kopf, um
mir entgegen zu schauen, wenn ich in ihr Zimmer kam. Auch ihre
Atmung wirkte angestrengt, das Herz schlug heftig.
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All das gab mir Grund zur
Beunruhigung. Ich stellte CHARLENE erneut dem Tierarzt vor,
der weitere umfangreichere Untersuchungen vornahm. Binnen drei
Tagen war klar, dass CHARLENE von vornherein keine Chance auf
ein besseres Leben gehabt hatte. Ihr Herz und die Leber waren
auf ein Vielfaches vergrößert, die Arterien und die Hohlvene
hochgradig gestaut. Vier von sieben Blutwerten waren außerhalb
des Messbereichs, die anderen drei, gelinde gesagt,
katastrophal. Und sie wurde FIV positiv getestet.
Dem Tierarzt und uns
blieb keine andere Wahl, als CHARLENE zu erlösen. Es waren einfach zu
viele gravierende Dinge, die da zusammen kamen: Ein Herz, das nicht
richtig funktioniert, eine Leber, die nicht mehr arbeitet, ein Rückenmark,
das kein Blut mehr produziert und die Immunschwäche FIV (auch Katzen-Aids
genannt), die jeglichen Behandlungsversuch zunichte macht.
Jetzt verstanden wir
auch, warum sich CHARLENE nicht gegen die Misshandlungen gewehrt hatte;
sie war aufgrund ihrer tödlichen Erkrankungen einfach nicht in der Lage
dazu. Und ihr Vertrauen zu uns kann nur ein Hilferuf gewesen sein.
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Nur
leider hatten auch wir von vornherein keine Chance, sie zu retten.
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(Sept. 2007) |
Es tut uns leid, arme
CHARLENE, wir hätten dir gern
auf eine andere Art geholfen.
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